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"Die Welt Ist Schlecht", Konzeptkunst von Sebastian Bieniek, 2000

Installation vor den Gefängnissen in Celle (Deutschland) und in Rennes (Frankreich)

Diese Arbeit ist der Beitrag zu einer Ausstellung an der die Stipendiaten des Stipendiums des deutsch-französischen Jungendwerks 2000 Teilgenommen haben. Die Ausstellung wurde kuratiert von Bettina Klein und trug den Titel "Passagen/ Aux voyageurs".

Der Betrag von Sebastian Bieniek zu dieser Ausstellung hieß: "Das Leben ist Schlecht". Es bestand aus zwei überdimensionallen Plakaten. Die Plakate wurden von den Ausgängen der Gefängnisse in Celle und Rennes, die jeweils in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs gelegen sind, aufgehängt und stellen die schnellste Zugverbundung on einem Gefängnis in das jeweils andere dar.

Die Welt ist schlecht/Le monde et cruel" (2001)

(Text von Bettina Klein, der Kuratorin der Ausstellung)

Eine der Schlüsselszenen vieler Krimis - oder existiert sogar ein eigenes Genre des "Gefängnisfilms"? - spielt am Eingangstor eines Gefängnisses. Manchmal bildet dieser Ort die Klammer der gesamten Erzählung. In jedem Fall ist es ein hochgradig emotional aufgeladener Ort, schicksalsträchtig, der Ort an dem, beim Heraustreten aus dem Tor, alle Perspektiven offenstehen, die Möglichkeit eines neuen Anfangs, nach Jahren zwangsläufiger Zurückgezogenheit.

Soweit das filmische Ideal, eine Idee die Sebastian Bieniek mit seiner Arbeit "Le monde est cruel / Die Welt ist schlecht" in Form eines idealtypischen Landschaftspanoramas aus computerbearbeiteten Kalenderfotos aufgreift. An den Eingängen der Prison des Femmes in Rennes und der JVA Celle, beide architektonisch sehr ähnlich und in unmittelbarer Nähe der örtlichen Hauptbahnhöfe gelegen, eine Stadt in der Stadt, hat er jeweils ein über sieben Meter langes Plakat angebracht.

Eine Reise wird beworben, per Zug, da so naheliegend, selbst die Abfahrzeiten sind indiziert und Fotografien der Umsteigestationen, klaustrophobe kleine Welten mit den Zugtürfenstern als Passpartout, belegen die reale Möglichkeit dieser Reise.

Allerdings ist das Ziel der Reise keineswegs die auf dem Plakat versprochene blühende Landschaft, sondern, von Celle aus gesehen, das Frauengefängnis von Rennes, von Rennes aus die JVA Celle.

Von den vielen möglichen Reiseeindrücken werden auf dem Plakat nur winzige Ausschnitte gezeigt, dem Blick aus dem Gefängnisfenster nicht unähnlich. Und auch der auf die Minute determinierte Fahrplan erinnert eher an den reglementierten Tagesablauf im Gefängnis, als daß er die große Freiheit evozierte.

Also eine zynische Endlosschleife, ein fiktiver Fluchtweg, maktiert durch die international verwendeten Fluchtzeichen- Männchen, der keine Möglichkeit bietet, das System zu verlassen, denn, so Bieniek, "Die Welt ist schlecht / Le monde est cruel" und eine Ahnung von Freiheit kann letztlich nur in der Projektion gefunden werden.
 

(siehe: definierter eroberter Raum, kartographierte Welt, "shrinking of the planet" (Rice, S.193)

Wie schon in einigen früheren Arbeiten, teilt Bieniek die gelebte oder auch nur die imaginierte Zeit in messbare Einheiten, versucht sie sichtbar zu machen, indem er ein System anlegt. So zum Beispiel als er im Museum der Charité in Berlin zwei Tage und Nächte damit verbrachte, Ballons aufzublasen und jeweils Minute und Sekunde daruaf verzeichnete ("Hier Ruht Mein Atem, Sebastian Bieniek, 1998) oder als er während  einer Gruppenausstellung täglich ab 14 Uhr in einer Holzsäule mit Aussparung für seinen Arm stand, nach zwei Stunden einen Schnitt vornehmen ließ und dann weitere zwei Stunden darin verhaarte ("Hand Without A Body", Sebastian Bieniek, 1999).

Hierbei handelt es sich keinesfalls um eine verspätete Form von Wiener Aktionismus, sondern es ist eine Versuchsanordnung, das nüchterne Experimentieren mit den Grenzen des Körperlichen.

 

Bieniek verbindet in seiner aktuellen Arbeit zwei Orte miteinander, die eine zufällige Gemeinsamkeit haben. Die Wahl der Orte könnte auch ganz anders ausgefallen sein, weniger pathetisch, denn die Verbindung auf die er sich bezieht, das Streckennetz der europäischen Eisenbahnen, könnte für jedes beliebige Ortspaar geltend gemacht werden.


Wie in den früheren Arbeiten ist das Pathos der Ortswahl, der Inszenierung nur scheinbar vordergründig. Bieniek spielt mit der Idee von Pathos, negiert es aber zugleich durch den streng abgesteckten Rahmen in dem seine Arbeiten sich abspielen. Letztlich geht es immer wieder um die Differenz zwischen konzeptueller und gelebter Erfahrung.


von Bettina Klein (2001, Kuratorin)
(aus dem Katalog von "Passagen/ Aux voyageurs")

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